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DFG Forschungsförderung: Deutschland verliert Wettkampf gegen China

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat 2024 rund 3,9 Milliarden Euro für mehr als 30.940 Projekte bewilligt und bleibt damit die zentrale Säule wettbewerblicher Grundlagenforschung in Deutschland. Im Vergleich dazu beliefen sich die staatlichen Ausgaben Chinas allein für Wissenschaft und Technologie auf 1.262,92 Milliarden Yuan (rund 162 Milliarden Euro), während die gesamten Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen des Landes 3,613 Billionen Yuan erreichten. Ein detaillierter Vergleich zeigt fundamentale Unterschiede in Struktur, Steuerung und Ambition.

Die DFG, 1951 als Selbstverwaltungseinrichtung der Wissenschaft gegründet, finanziert sich überwiegend aus Bundes- und Landesmitteln. Sie vergibt Fördergelder nach strengen Peer-Review-Verfahren, bei denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst die Qualität der Anträge bewerten. Im Jahr 2024 gingen mehr als die Hälfte der Projekte – genau 16.963 oder 54,8 Prozent – in die individuelle Einzelförderung, für die etwa 1,4 Milliarden Euro zur Verfügung standen. Die verbleibenden Mittel flossen in koordinierte Programme wie Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs, Schwerpunktprogramme und Exzellenzcluster.

Die Lebenswissenschaften erhielten mit rund 1,4 Milliarden Euro den größten Anteil (35,9 Prozent), gefolgt von Naturwissenschaften mit 913 Millionen Euro (23,5 Prozent) und Ingenieurwissenschaften mit 780 Millionen Euro (20,1 Prozent). Geistes- und Sozialwissenschaften sind ebenfalls integraler Bestandteil des Portfolios, auch wenn ihr Anteil geringer ausfällt. Dieses breite Spektrum unterstreicht den Anspruch der DFG, die gesamte Wissenschaftslandschaft ohne thematische Vorgaben von oben zu stärken.

Sonderforschungsbereiche (SFB) bilden ein Rückgrat der Verbundförderung. Derzeit laufen 257 solcher Zentren mit einem Volumen von 909 Millionen Euro für 2026. Sie ermöglichen langfristige, interdisziplinäre Zusammenarbeit über bis zu zwölf Jahre an einem oder mehreren Standorten. Graduiertenkollegs konzentrieren sich auf die strukturierte Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und verbinden Forschung mit Qualifizierung. Schwerpunktprogramme setzen zeitlich begrenzte Akzente auf aufstrebende Felder, während die Exzellenzstrategie ganze Universitätsstandorte durch Cluster profiliert. Im zweiten Förderzeitraum ab 2026 erhalten 70 Exzellenzcluster jährlich 539 Millionen Euro.

Trotz stabiler Budgetentwicklung im Rahmen des Pakts für Forschung und Innovation sieht sich die DFG mit praktischen Herausforderungen konfrontiert. Steigende Kosten durch Inflation, Tarifsteigerungen und höhere Antragssummen führten zu Anpassungen: Förderquoten in der Einzelförderung wurden leicht gesenkt, Bewilligungen bei Verbundprojekten pauschal gekürzt und Starts teilweise verschoben. Die Organisation fordert eine weitere Anhebung der Programmpauschale auf 30 Prozent, um indirekte Kosten der Hochschulen besser abzudecken – ab 2027 liegt sie bei 25 Prozent. Diese Maßnahmen dienen der Qualitätssicherung bei hohem Antragsdruck.

Die Governance der DFG zeichnet sich durch dezentrale Selbstverwaltung aus. Fachkollegien mit gewählten Expertinnen und Experten leiten die Begutachtung. Dieses vertrauensbasierte System hält Verwaltungskosten niedrig und maximiert die Akzeptanz in der Wissenschaft. Im Gegensatz zu vielen staatlichen Programmen gibt es keine zentral vorgegebenen Missionen; die Forschenden selbst bestimmen die inhaltliche Richtung. Dies fördert Kreativität und langfristige Grundlagenarbeit, die oft erst nach Jahren gesellschaftliche oder wirtschaftliche Relevanz entfalten.

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) ergänzt die DFG-Förderung durch eigene Programme, strategische Initiativen und die Hightech Agenda Deutschland. Es setzt Schwerpunkte in Schlüsseltechnologien, Raumfahrt und Transfer, während die DFG die freie, wettbewerbliche Grundlagenforschung absichert. Zusammen mit weiteren Einrichtungen wie Helmholtz, Max-Planck, Fraunhofer und Leibniz bildet dies das deutsche Forschungsökosystem, das auf Vielfalt und Exzellenz setzt.

Chinas Forschungslandschaft: Staatliche Steuerung in gigantischem Maßstab

China hat in den vergangenen Jahrzehnten ein umfassendes Forschungs- und Innovationssystem aufgebaut. Die nationalen fiskalischen Ausgaben für Wissenschaft und Technologie betrugen 2024 genau 1.262,92 Milliarden Yuan – ein Plus von 5,3 Prozent zum Vorjahr. Davon entfielen 419,25 Milliarden Yuan auf den Zentralhaushalt und 843,67 Milliarden auf die Provinzen. Die gesamten Ausgaben für Forschung und Entwicklung (GERD) erreichten 3,613 Billionen Yuan, mit einer F&E-Intensität von rund 2,68 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Unternehmen tragen mit knapp 78 Prozent den Löwenanteil der F&E-Ausgaben, staatliche Einrichtungen und Hochschulen folgen. Die Grundlagenforschung machte 2024 etwa 6,91 Prozent aus (rund 249,7 Milliarden Yuan), stieg jedoch um 10,5 Prozent und zeigt damit einen gezielten Ausbau. Der Schwerpunkt liegt weiterhin auf angewandter Forschung und experimenteller Entwicklung.

Die National Natural Science Foundation of China (NSFC) dient als direkte Vergleichsgröße zur DFG. Ihr Budget lag 2023 bei rund 34 Milliarden Yuan und bewegte sich damit in vergleichbarer Größenordnung. Sie fördert grundlagenorientierte Projekte ebenfalls nach Peer-Review und kooperiert mit der DFG in gemeinsamen Ausschreibungen. Dennoch bildet die NSFC nur einen Teil eines zentral gesteuerten Systems. Das Ministry of Science and Technology (MOST), die Chinese Academy of Sciences (CAS) sowie zahlreiche Mega-Projekte lenken zusätzliche Mittel.

Nationale Fünfjahrespläne definieren klare Prioritäten. Der 15. Plan für 2026 bis 2030 betont technologische Selbstständigkeit, moderne Industriesysteme und Durchbrüche in Feldern wie Künstlicher Intelligenz, Quantencomputing, Biotechnologie, 6G, Humanoiden Robotern und Kernfusion. „Neue Qualitätsproduktivkräfte“ sollen entstehen, Forschung eng mit industrieller Anwendung und nationalen Sicherheitszielen verknüpft werden. Mega-Einrichtungen für Quantentechnologie, Raumfahrt und Erdsystemsimulation erhalten Priorität.

Struktureller Vergleich: Bottom-up versus Top-down

Die Unterschiede in Volumen und Governance sind enorm. Chinas alleinige staatliche S&T-Ausgaben übersteigen den DFG-Etat um den Faktor rund 40. Das gesamte deutsche öffentliche Forschungsbudget inklusive BMFTR-Programme und außeruniversitärer Einrichtungen erreicht nicht annähernd das chinesische Niveau. Deutschland setzt auf dezentrale Selbstverwaltung, wissenschaftsgetriebene Ideen und langfristige Grundlagen. China kombiniert massive Ressourcen mit strategischer Lenkung, schneller Skalierung und enger Verzahnung von Forschung, Industrie und Staat.

Dieses Modell hat messbare Erfolge: China hat in vielen Technologiebereichen die Führung bei Patentanmeldungen übernommen, baut globale Wertschöpfungsketten in Erneuerbaren Energien und Elektromobilität auf und investiert gezielt in Talente. Gleichzeitig wächst der Anteil offener Grundlagenforschung, um nachhaltige Exzellenz zu sichern. Die NSFC spielt dabei eine wichtige Rolle für individuelle, peer-review-basierte Projekte.

Das deutsche System punktet mit hoher Effizienz, niedrigen Verwaltungskosten und großer Freiheit. Peer-Review minimiert Fehlallokationen und fördert echte Innovationen, die oft unerwartete Richtungen nehmen. Programme wie Emmy Noether oder Heisenberg stärken den Nachwuchs. Die Kultur der Offenheit und internationale Kooperationen – auch mit chinesischen Partnern – bleiben Stärken.

Herausforderungen bestehen jedoch in der Reaktionsgeschwindigkeit auf geopolitische Entwicklungen, der Abhängigkeit von stabilen Haushalten und der Fragmentierung. Die jüngsten Anpassungen bei der DFG wegen Inflationsdrucks verdeutlichen die Grenzen. Der Pakt für Forschung und Innovation muss über 2030 hinaus verlängert und angepasst werden. Hochschulen brauchen eine stärkere Grundfinanzierung, um den Drittmittelanteil nicht weiter zu erhöhen.

Implikationen für Wettbewerbsfähigkeit und internationale Zusammenarbeit

Der Vergleich wirft Fragen zur globalen Positionierung auf. Deutschland profitiert von hoher Reputation, exzellenten Infrastrukturen und einer Kultur der wissenschaftlichen Freiheit. Viele chinesische Forscherinnen und Forscher arbeiten in DFG-Projekten mit. Doch der Wettbewerb um Talente, Patente und Technologiehoheit verschärft sich. China lockt mit Infrastruktur und Budgets; Deutschland muss mit Qualität, Stabilität und Lebensbedingungen überzeugen.

Geopolitisch geht es um Schlüsseltechnologien, die wirtschaftliche Stärke und Sicherheit bestimmen. Europa und Deutschland benötigen eine strategische Antwort: Stärkung der eigenen Stärken, Ausbau europäischer Partnerschaften und kluge Allianzen mit gleichgesinnten Ländern. Die DFG baut bereits Kooperationen aus, etwa mit europäischen Förderern.

Historisch wurzelt das DFG-Modell in der Nachkriegszeit und dem Prinzip der Wissenschaft durch Wissenschaft. Chinas System entwickelte sich seit den Reformen der 1980er Jahre hin zu starker staatlicher Lenkung, die Forschung in nationale Entwicklungsziele einbindet. Beide Ansätze haben Vorzüge: Freiheit und Kreativität hier, Geschwindigkeit und Kohärenz dort.

In der Praxis bedeutet das für chinesische Forscher oft eine Ausrichtung auf nationale Prioritäten, während in Deutschland Ideen frei entstehen können. Die NSFC-DFG-Zusammenarbeit zeigt, dass Austausch möglich ist, solange Transparenz und gegenseitiges Vertrauen bestehen.

Handlungsempfehlungen und Ausblick

Für Deutschland ergeben sich klare Konsequenzen. Der Pakt für Forschung und Innovation braucht eine ambitionierte Fortsetzung mit dynamischer Anpassung an Inflation und internationale Konkurrenz. Die DFG sollte internationale Partnerschaften innerhalb Europas und mit demokratischen Partnern ausbauen. Eine stärkere Grundfinanzierung der Hochschulen entlastet das Drittmittelsystem. Talentstrategien müssen internationale Köpfe anziehen und halten. Politische Entscheidungen im Haushalt 2026 und darüber hinaus sollten Forschung als strategische Zukunftsinvestition begreifen.

Die DFG verkörpert Qualität durch Freiheit und Nachhaltigkeit durch Selbstverwaltung. Chinas System steht für Volumen, strategische Ausrichtung und schnelle Umsetzung. Ob Kreativität langfristig über Ressourcenstärke triumphiert, bleibt offen. Fest steht: Nachhaltige Investitionen in die DFG und das gesamte deutsche System sind essenziell, um im globalen Wettbewerb mitzuhalten und neue Maßstäbe zu setzen. Die kommenden Haushaltsdebatten und die Weiterentwicklung des Pakts für Forschung und Innovation werden richtungsweisend sein.

Dieser Vergleich beleuchtet nicht nur Zahlen, sondern tiefe systemische Unterschiede. Deutschland kann von Chinas Skaleneffekten lernen, ohne das Prinzip der wissenschaftlichen Freiheit aufzugeben. China wiederum baut Grundlagenforschung aus, um nachhaltige Innovation zu sichern. In einer vernetzten Welt profitieren beide Seiten von transparenter Kooperation – bei gleichzeitiger Wahrung strategischer Eigenständigkeit. Die Zukunft der globalen Forschung wird von der Balance aus Freiheit, Ressourcen und kluger Steuerung abhängen.

DFG Forschungsförderung: Deutschland verliert Wettkampf gegen China
DFG Forschungsförderung: Deutschland verliert Wettkampf gegen China. Credits: LabNews Media LLC.

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The Editors in Chief of lab-news.de are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu